Samstag, 27. August 2011

Beurteile einen Fisch nicht nach seiner Fähigkeit, einen Baum hochzusteigen

Inspiriert durch die klugen Gedanken kluger Menschen, die in folgendem Clip zusammengetragen wurden, möchte ich ein paar Gedanken aufgreifen und meine Gedanken hinzufügen.


Jeder ist ein Genie. Aber wenn du einen Fisch nach seiner Fähigkeit beurteilst, einen Baum hochzusteigen, wird er sein ganzes Leben lang glauben, er sei dumm. - Albert Einstein
Bei diesem Zitat muss ich an ein wunderschönes, witziges Kinderbuch mit dem Titel Wenn die Ziege schwimmen lernt denken. Als ich es damals in der Bücherei in Händen hielt, war mir noch nicht bewusst, wieviel Schulkritik eigentlich darin steckte. Es erzählt von einer Zeit, als alle Tiere in die Schule gingen - Elefanten, Giraffen, Fische, Pferde, Ziegen, Enten... Und alle lernten schwimmen, fliegen, rennen und klettern - naja, das heißt, sie sollten es lernen (von strengen Lehrern, die dies natürlich besonders gut konnten - Pinguin, Eule...). Das Pferd kam sich bei dem Versuch, einen Baum zu besteigen, irgendwie doof vor, die Ente verzweifelte daran völlig, während der Lehrer-Affe die Problematik gar nicht nachvollziehen konnte. Dem Elefanten gelang das Fliegenlernen nicht so richtig - darin hatte die Ente hingegen eine 1. Der Fisch bekam im Rennen eine 6 und im Klettern auch... na, und im Fliegen auch, soweit ich es in Erinnerung habe. Dieses Buch ist einfach urkomisch, und mag eine Schule für Tiere uns noch so absurd erscheinen, desto weniger absurd scheint sie für uns Menschen zu sein. Warum? Am Ende des Buches, machte jeder das, was er am besten konnte, und alle hatten Spaß und fühlten sich wunderbar und kompetent. 


Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, wozu sie fähig sind. Sie nehmen ihre Talente und Begabungen nicht wahr. Sehr viele Menschen schlussfolgern daraus, sie hätten keine, sie seien nichts Besonderes. 
- Sir Ken Robinson

Ken Robinson ist davon überzeugt, dass wir alle mit verborgenen Talenten und Fähigkeiten geboren werden, dass sie sozusagen uns Menschen angeboren sind. Das markanteste Merkmal, das uns Menschen ausmacht, sei unsere Vorstellungskraft und unsere Fähigkeit, etwas zu Erschaffen. Manche Menschen entdecken ihre Besonderheit und Individualität, und manche nicht. Diejenigen, welche sie nicht entdecken, schließen daraus, dass sie keine haben. (aus dem Vortrag Ken Robinson on Passion)

Was hilft uns, unsere Talente zu entdecken und was steht dem im Weg? Wäre es vielleicht die wichtigste Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die der Entdeckung im Wege stehen?


Es ist absurd und gegen das Leben, Teil eines Systems zu sein, dass dich dazu zwingt, einem Fremden zuzuhören, wie er Gedichte vorliest, während du eigentlich lernen willst, wie man Häuser baut, oder mit einem Fremden über die Konstruktion von Häusern zu diskutieren, wenn du eigentlich Gedichte lesen willst. - John Taylor Gatto

Wenn du schon nicht verhindern kannst, dass jemand dir vorsetzt, was du lernen sollst, so kannst du zumindest dein Selbstwertgefühl streicheln, welches sich fragt, warum du nicht so gut lernst, wie du sollst. Vielleicht interessiert es dich nicht. Vielleicht denkst du an etwas anderes. Vielleicht macht es dir keinen Spaß. Vielleicht würdest du gern lieber etwas anderes tun. Das alles darf sein. Obwohl dir alle einzureden versuchen, du müsstest das lernen, was man dir vorsetzt, "damit aus dir was wird" - glaube es nicht, denn es stimmt nicht und es funktioniert nicht.

Die meisten Menschen lernen die meiste Zeit das Meiste, was sie über Wissenschaft und Technik wissen, außerhalb der Schule. - National Science Foundation
Frag einmal deine Eltern, wann, wie, wo und wodurch sie am meisten für's und über das Leben gelernt haben. Frag sie einmal, wieviel von dem, was sie heute wissen, und von dem, was ihnen für ihr bisheriges, jetziges und zukünftiges Leben wichtig erscheint, sie in der Schule gelernt haben.


Es ist ein Wunder, dass die Neugier die formale Schulbildung überlebt.   
- Albert Einstein 

Tut sie das? Wieviel bleibt von ihr übrig? Und wieviel von unserem natürlichen Bedürfnis zu lernen bleibt übrig? Wieviel von unserem Spaß daran?

Lass mich und andere gern an deinen Antworten teilhaben.


Einige Zeit nach diesem Beitrag hatte ich dann die Geschichte gefunden: "Wenn die Ziege schwimmen lernt" - eine Geschichte von der Schule

Freitag, 26. August 2011

Ist es falsch, etwas nicht zu wissen?

Was passiert, wenn du auf eine Frage antworten musst "Ich weiß es nicht"? Wirst du dann schräg angeguckt? Ist es dir peinlich? Hast du ein schlechtes Gewissen? Denkst du, dass du es wissen solltest, dass du dumm bist oder faul? In welchen Situationen ist es unangenehm, etwas nicht zu wissen, und in welchen Situationen ist es ok? 

Ich sah kürzlich einen sehr amüsanten Vortrag von Sir Ken Robinson, in dem er von einer Begegnung mit dem Dalai Lama erzählt. Während einer Diskussionsrunde stellte jemand aus einem 2000köpfigen Publikum dem Dalai Lama eine Frage. Nachdem er ungefähr eine Minute lang nachgedacht hatte und zu einer Antwort ansetzte, war das Publikum nun gespannt, was da nun kommen würde - schließlich war es der Dalai Lama. Er hielt inne und alle Leute warteten auf die sensationelle Antwort, die nun kommen musste. Und dann sagte er: "Ich weiß es nicht." Alle waren bestürzt. Was sollte das heißen, er weiß es nicht? Er ist der Dalai Lama! Wir wissen es nicht. Er sollte es eigentlich wissen. Aber das wundervolle daran war, dass alle im Raum erleichtert waren. Es gab die Erlaubnis dafür, etwas nicht zu wissen. Der Dalai Lama sagte, er wisse es nicht, denn er habe noch nie darüber nachgedacht. Er wolle nicht über etwas reden, was er nicht weiß. Er habe über vieles schon nachgedacht - aber darüber noch nicht.

Das Wissen auf dieser Welt wächst immer mehr. Der Anteil dessen, was wir vom gesamten Weltwissen in einem Leben wissen können, wird immer kleiner. Wer will uns vorschreiben, welchen Teil des gesamten Wissens wir wissen sollen? Wer entscheidet darüber, welches Wissen genau wir für unser Leben brauchen (werden)? Macht es Sinn, dass wir genau das gleiche lernen und wissen müssen wie sämtliche anderen Gleichaltrigen um uns herum? Macht es Sinn, dass alle in unserer Klasse, in unserer Klassenstufe, in unserem Jahrgang, im ganzen Land das Gleiche wissen?

Was ist, wenn du über ein Thema nichts weißt - aber dafür über ganz viele andere Themen, für die sich leider niemand interessiert, die in der Schule nicht gefragt werden? (In einer Sendung über Kinder, die große Schwierigkeiten in der Schule hatten, wurde von einem Jungen berichtet, der sich extrem für Dinosaurier interessierte. Zuhause meißelte er Fossilien aus Gesteinen - vielleicht würde er eines Tages Paläontologe, Archäologe oder Geologe werden - mit Leidenschaft - aber in der Schule interessiert sich niemand für deine Interessen. Er kam in der Schule überhaupt nicht klar und wurde gemobbt. In einem Test stellte sich schließlich heraus, dass er hoch intelligent war. Die ganze Sendung über drei Jungen, die "aus dem Rahmen fallen" und in eine Mühle von Etikettierungs- und Diagnostizierungsmaßnahmen geraten sind - und die, wie ich finde, ganz wundervolle Jungen sind - findest du hier.)

Sir Ken Robinson sagt, in unserer Kultur bedeutet etwas nicht zu wissen, dass man im Unrecht ist, dass es falsch ist, etwas nicht zu wissen. Menschen tun so, als wüssten sie viele Dinge, die sie gar nicht wissen, denn das Schlimmste, was man tun kann, ist, uninformiert zu wirken oder keine Meinung zu haben. 

Ist es schlimm, zu sagen, "darüber habe ich noch nicht nachgedacht" oder "dazu habe ich keine Meinung - bis jetzt"? Wie wirkt ein Lehrer, der auch mal sagt "das weiß ich nicht - aber interessante Frage, ich werde versuchen, bis zur nächsten Stunde die Antwort herauszufinden" - sympathisch? Menschlich? (Aber dazu kommt es kaum, oder, denn in der Schule stellen doch nur die Lehrer Fragen, oder?)

Wir sollten die Grenzen unseres Wissens kennen und wissen, was wir nicht wissen. Und wir sollten uns inspiriert fühlen, Dinge zu erforschen, die wir nicht wissen, anstatt uns dafür zu schämen, dass wir sie nicht wissen (sagt Ken Robinson - diese weisen Worte stammen leider nicht von mir).

Ist es mutig zu sagen "ehe ich jetzt so tue, als hätte ich Ahnung davon, sag ich lieber rundheraus: ich weiß es nicht"?

Irgendein Philosoph sagte einmal den klugen Spruch: Wer nichts weiß und weiß, dass er nichts weiß, weiß mehr als der, der nichts weiß und nicht weiß, dass er nichts weiß. - Aber ich weiß nicht mehr, welcher.

Donnerstag, 18. August 2011

"Du musst doch mal etwas zu Ende bringen, was du angefangen hast!"

Kennst du diesen Satz (so sinngemäß)? Oft fällt so ein Spruch im Zusammenhang mit Ein-Instrument-Lernen oder Eine-Sportart-wählen - bestimmt auch noch bei anderen Dingen. Hast du dir schon so Sätze anhören müssen, wie "Entscheide dich endlich mal für eine Sache und zieh es durch" oder "Du musst doch mal an etwas dranbleiben, nicht gleich aufgeben"... oder noch schlimmer, in deinem Beisein über dich sagen hören "Er gibt schnell auf" oder "Sie muss doch mal wissen, was sie will, aber die Entscheidungsfreudigste war sie noch nie" oder "Sie nimmt einfach keine Sache richtig ernst"?

Wer bestimmt, wie lange du an einer Sache dranbleiben solltest? Wer bestimmt, für das wievielte Instrument, das du ausprobiert, du dich entscheiden musst oder für die wievielte Sportart, in die du hineinschnupperst? 

Wenn jemand Klamotten braucht und verschiedene Sachen begutachtet und beim Anprobieren feststellt: "Steht mir nicht", "Gefällt mir nicht" (vornehmlich weibliche Personen) - kommt ein freundlicher Begleiter dann auf die Idee zu sagen: "Du musst dich aber mal für was entscheiden, sonst wird das nie was"? Oder sagt er vielleicht "Du wirst schon noch das Richtige für dich finden" oder "Die Mode ist grad nicht so deins, oder?"

"Ich muss mich doch drin wohl fühlen!", "Es muss doch zu mir passen!"

Wenn deine Familie umziehen will und ein Haus oder eine Wohnung sucht und nach der zweiten, dritten, vierten Besichtigung dankend ablehnt, würdest du da auf die Idee kommen zu sagen "Mama, Papa, ihr müsst euch mal endlich entscheiden, das geht so nicht, man kann doch nicht von einem zum nächsten springen" - das käme dir vermutlich nicht in den Sinn, denn ihr wollt euch doch wohl fühlen, euch ist doch dies und das wichtig, was erfüllt werden soll. Es braucht doch seine Zeit, bis das Richtige oder Passende gefunden ist.

Na, bei den Beispielen ist das ja wohl klar! Aber wenn es ums Lernen geht, muss ich doch zielstrebig sein und endlich mal an was dranbleiben, sonst lerne ich ja nie was!

Dayna Martin schreibt etwas sehr Schönes in ihrem Buch Die Freie Familie ...oder die Freiheit über Leben und Lernen selbst zu bestimmen:
Aus meiner Sicht geht es im Leben darum, den Kindern ein großes "Büffet" der Möglichkeiten und Aktivitäten zum Lernen anzubieten. Sie greifen mit Freude dort zu, wo sie sich angesprochen fühlen. Es gibt keinerlei Nachteile, wenn Kurse nicht mehr besucht oder Projekte eingestellt werden. Im Leben besteht reine, authentische Freiheit ohne Schuld, Zwang oder Scham - authentische Wahlfreiheit, ohne Vorbedingungen.
Stell dir vor, du stehst vor einem riesigen, bunten Büffet an fremdartigen Speisen. Wieviele musst du kosten, um deine Lieblingspeise zu finden oder um sagen zu können, "jetzt habe ich genug probiert"? Wie viele willst du kosten? - Stell dir vor, nach der dritten Speise sagt jemand "Also, jetzt reichts, du darfst jetzt nur noch DAS essen!"
Vielleicht magst du erstmal von mehreren Sachen kleine Häppchen auf deinen Teller tun, bis du entscheidest, von einer Sache viel zu nehmen. - Stell dir vor, jemand packt deinen Teller voll und sagt "Also, das musst du jetzt aufessen, vorher gibt's nix anderes!" oder "Das musst du ab heute jeden Tag essen - und zwar eine halbe Stunde täglich!"

Wieso klingt das für uns so absurd? Beim Thema Lernen klingt es so selbstverständlich. "Du musst aber...", "Du solltest aber... sonst wird das nix!", "Man muss doch... auch mal... endlich...".
Wir leben schließlich nicht gemäß der Ansprüche, die andere setzen und brauchen demnach nicht "beenden, was wir einmal begonnen" haben. Davon abgesehen beenden wir tatsächlich, was wir einmal angefangen haben, aber gemäß unserer eigenen Maßstäbe. Wir sind mit einer Sache fertig, wenn wir es entscheiden. (Dayna Martin)
Wie entscheidest du? Wessen Ansprüchen willst du genügen? Wie sind deine Ansprüche? Vielleicht findest du schon beim ersten Bissen dein Leibgericht und willst nur noch das - dann würdest du vielleicht auch alles dafür tun, um herauszufinden, woraus es gemacht ist, um alle Zutaten zu besorgen und um zu lernen, wie man es zubereitet - wie man es perfekt zubereitet. Vielleicht willst du dich noch nicht festlegen (und wahrscheinlich willst du dich schon gar nicht festlegen lassen). Vielleicht ist es dir wichtig, selbst zu entscheiden, es selbst herausfinden zu dürfen, "nein" sagen zu dürfen, damit du von Herzen "ja" sagen kannst. Finde es heraus!

Viel Spaß beim Entdecken der Welt mit ihren vielen Möglichkeiten!

Sonntag, 14. August 2011

Kann man aus freiem Willen zur Schule gehen?

In einem Blog las ich neulich einen - schon etwas älteren - Beitrag mit dem Thema "Schüler fehlen häufiger im Unterricht", dessen letzter Absatz mich sehr nachdenklich machte. Die Autorin schreibt, es sei "so wichtig herauszufinden, wo die Blockaden des Kindes liegen, damit es wieder gerne die Schule – und das aus freiem Willen – besucht. Für ein Lernen, das so wichtig ist für die Zukunft Ihres – und unseres – Nachwuchses."

Ist es überhaupt möglich, "aus freiem Willen" die Schule zu besuchen?