Dienstag, 10. Dezember 2013

"Schluß mit Schule! das Menschenrecht, sich frei zu bilden" - vielleicht ein Geschenk für Eltern und Lehrer?!


Die Schule kritisieren kann jeder - und Schulkritik ist ebenso alt, wie die Schule selbst. Die Schule durch Reformen zu verbessern versuchen, können ebenfalls viele - Reform: eine "Umgestaltung bestehender Verhältnisse"... Aber zu schauen und zu durchschauen, auf welchem "Fundament" das "Schulhaus" steht, an dem da herum gebaut wird, welche Ideologien und Annahmen und welches Menschenbild ihm zugrunde liegen, dazu sind nur sehr wenige bereit. Und die zu Ende gedachten Konsequenzen aus den fundamentalen Erkenntnissen zu ziehen, das gelingt anscheinend fast niemandem - und in unserem Land, in welchem der Staat die Herrschaft über die Bildung junger Menschen für sich beansprucht und in dem ein gesetzlich verankerter Schulanwesenheitszwang herrscht, schon gar nicht. In diesem Land ist damit nur ein einziger Bildungsweg vorgegeben und erlaubt, was dazu geführt hat, dass Menschen nicht einmal mehr auf die leise Idee kommen, es könnte anders gehen, also so - selbst dann nicht, wenn es ihnen nicht gut geht und sie fast verzweifeln ...
Sind wir zu brav, zu ängstlich, unwissend, ignorant oder zu sehr daran gewöhnt, unseren eigenen Empfindungen nicht mehr zu trauen, weil uns lange und scharf genug eingebläut wurde, dass andere besser wissen, was für uns gut und richtig ist, als wir selber? Oder woran liegt es, dass wir denken, es könnte keinen anderen Weg der Bildung geben, als den durch die Schule - den unvermeidlichen, durch den man "halt durch muss", und der, wenn jemand wagt sich zu verweigern, mit jedem erdenklichen Mittel, und sei es mit Zwang und mit Gewalt, durchgesetzt werden muss - koste es, was es wolle?!
"Aber so schlimm ist es doch gar nicht", werden manche sagen. Vielleicht sogar, dass es nie besser war als heute. Haben sie sich einmal genau umgeschaut?

Was sehen wir denn wenn wir genau hinschauen?
Müssen wir bei der Frage nach "Veränderung" nicht leider feststellen, dass sich bis auf kleine Reförmchen im Grunde nichts verändert hat - dass sich, wenn wir genau hinsehen, Vieles sogar verschlechtert hat? 
  • Dass es so aussieht, als würde das System Schule bald aus allen Nähten platzen vor lauter Symptomen, die seine Beteiligten produzieren: angebliche Aufmerksamkeits- und Lernstörungen, Aggressivität, Mobbing und andere Gewalt, Überforderung, Angst, Stress, Hilflosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Langeweile, ... Bauch- und Kopf- und Rückenschmerzen ...
  • Dass es so aussieht, als müsste mit immer gewaltsameren und widersinnigeren Methoden gegen "Auffälligkeiten" vorgegangen werden, damit etwas aufrechterhalten wird, was vielleicht gar nicht funktioniert - anstatt dank der Auffälligkeiten zu erkennen, dass es nicht funktioniert: Nachsitzen, als "Konsequenzen" getarnte Strafmaßnahmen, medikamentöse Behandlung, Psychiatrieeinweisung, Trainingsraum-Methode (wahlweise "Auszeit" genannt), Lärmampeln, Belohnungssysteme ... "Förder"maßnahmen ...
  • Dass immer willkürlicher und anklagender nach dem oder den "Schuldigen" gesucht wird: die doofen, schlechten Lehrer; die faulen, schlecht erzogenen Schüler; die überbehütenden oder vernachlässigenden Eltern; das böse Fernsehen, das böse Internet, die bösen Computerspiele(!) ... Ein Sündenbock ist immer willkommen, um abzulenken! Abzulenken davon, genauer hinzuschauen. Abzulenken von den wirklich wichtigen Fragen ...

Sollten wir wohl Besseres zu tun haben, als uns mit dem Thema Schule zu beschäftigen?
Es sieht so aus, als sei Schule schon oft und lange und ausführlich genug von allen Seiten kritisch betrachtet worden. Kritische Erkenntnisse, die z.T. schon vor Jahrzehnten in verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft (Psychologie, Soziologie, Neurobiologie, Philosophie, Rechtswissenschaften) gewonnen wurden, scheinen wenig bis gar nicht in die Praxis des Schulsystems hineinzufließen! Sollte die Schule nicht schon längst überwunden sein, weil man erkannt haben müsste, dass sie nicht mehr in unsere Zeit und auch nicht zu dem passt, was dem Wesen des Menschen entspricht (oooh, dies mag für viele ein unvorstellbarer, bedrohlicher Gedanke sein!)?
Der Schlüssel liegt tatsächlich nicht in der Beschäftigung mit der Institution Schule, sondern in der Beschäftigung mit den Menschen. Wenden wir uns der Person zu, die jeder Mensch ist! 

Wenden wir uns nicht dem zu, was "normal" ist, sondern dem, was gesund ist: Dir!
Also, einem Menschen, der von Natur aus einzigartig, wissbegierig, mitteilungsbedürftig, kreativ und sozial ist. Einem Menschen, der kompetent ist - der in seinen Äußerungen immer ernst zu nehmen ist! Ja, immer!! 
Was geschieht denn mit dem jungen Menschen, der gesund und richtig auf die Welt kommt - mit allem, was er braucht (nämlich zu wissen und zu signalisieren, was für ihn gut und nicht gut ist): Er wird zum unfertigen Menschen gemacht, zum hilfs-, belehrungs-, erziehungs- und förderbedürftigen "Kind", zum "Minderjährigen", zum Objekt von allerlei Maßnahmen und guten Absichten - zum "Schüler"! Zum Abhängigen, denn entscheidend hierbei ist die Botschaft, dass andere besser wissen als er, was gut und richtig für ihn ist! Das Ganze geschieht auf gutgemeinte, mit viel Nachdenklichkeit gemachte und geplante Weise, so dass der davon Betroffene ganz schnell glaubt, dass das alles richtig ist. Daraus folgt dann aber eine dramatische Schlussfolgerung: 
"Der einzige, der dann ja nicht richtig sein kann, wenn er nicht funktioniert, wie er soll, muss ja dann ich selbst sein!" 
(Natürlich geschieht Erziehung auch auf offensichtlich gewaltsame Weise - das einzig Gute daran ist, dass sie zumindest sichtbar und vielleicht durchschaubar ist.)
Kann ein Mensch unter solchen Bedingungen das Vertrauen in sich selbst und seine eigene Urteilskraft bewahren? Hast DU dies bewahren können? Angenommen, du wärst ein mutiger Mensch geblieben ... aber erst einmal ist ganz wichtig zu klären: 

Was bedeutet denn "mutig sein"?
Mutig bedeutet ganz und gar nicht, dass du dich so verhältst, wie es andere wollen, dass du die Aufgaben erfüllst, die andere dir stellen, die Herausforderungen annimmst, die andere wollen, dass Du sie annimmst!
Mutig bedeutet, dazu zu stehen, dich so zu verhalten, wie du bist, wie es dir entspricht! 
Mutig bedeutet, deinen eigenen Weg zu gehen - auch, wenn es vielleicht nicht der Weg ist, den alle gehen. 
Und mutig bedeutet außerdem, die eigenen Grenzen zu erkennen und dafür einzustehen.
Mutig bedeutet, Nein zu sagen: wenn du etwas nicht willst, wenn etwas für dich nicht plausibel - oder vielleicht plausibel, aber dennoch nicht stimmig ist!
Mutig bedeutet, deine Aufgaben selbst zu wählen, selbst zu entscheiden, welche Herausforderungen du annimmst - oder nicht annimmst. Mutig bedeutet überhaupt: selbst zu entscheiden, wie du sein und leben willst.

Selbst entscheiden setzt voraus, dass du "Ja" und "Nein" sagen darfst!  
Der 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte. Heute vor genau sieben Jahren erschien das Buch "Schluß mit Schule! das Menschenrecht, sich frei zu bilden" des Philosophen Bertrand Stern. Dieser Titel ist zugleich provokant wie verheißungsvoll, denn er lässt sich auf zweierlei Arten lesen: Als herausfordernde Aufforderung, mit der Schule Schluss zu machen (die eindeutig provokante Variante) - und gewissermaßen als Prophezeiung, dass die Schule ohnehin am Ende ist ... (die, oh ja, verheißungsvolle Variante).
Was geschieht, wenn wir die Schule nicht mehr einfach nur kritisieren wollen, wenn wir aufhören wollen, das Verhalten von Menschen zu steuern, sie mit Belohnungen zu locken (zu "motivieren") und mit Strafen zu bedrohen, sie anzuschuldigen, ihre Symptome zu behandeln? Was geschieht, wenn wir nicht mehr nach Rezepten, nach schnellen Lösungen suchen (die es schlichtweg nicht gibt!), uns nicht mehr ständig neue Konzepte und neue "Regeln" ausdenken? Was geschieht, wenn wir beginnen, genau Hinzuschauen und Zuzuhören, genau Nachzudenken - und zu Ende zu denken? Was geschieht, wenn wir uns dem Menschen zuwenden, seinen natürlichen Eigenschaften, seiner Gesundheit und Lebendigkeit - seinen Grundrechten?
Wer das gern tun möchte - wer den Mut dazu hat! - lese "Schluß mit Schule!". Bertrand Sterns radikale Betrachtung entspringt seinem kompromisslosen, tiefen Respekt vor der Würde der Person, die jeder Mensch - ganz gleich wie jung oder alt - ist, vor seiner Kompetenz und Selbstbestimmtheit. Dieses Werk kann dazu beitragen, dass das wachsen und gedeihen kann, was wir alle dringend brauchen: Vertrauen und Mut! Und es wird hoffentlich dazu beitragen, dass bald (an)erkannt wird, dass junge Menschen schlichtweg Menschen sind und dass wir für sie nicht einfach einen Kontext schaffen können, in dem ihnen die Grundrechte abgesprochen werden, allen voran das Recht, "Nein" zu sagen - und sei es ein "Nein" zur Schule! Es möge ebenfalls dazu beitragen, dass sich die "von der Schule betroffenen Menschen" - seien es "Schüler", "Lehrer" oder "Eltern" - von den Fesseln dieser Institution befreien, um sich in den "Landschaften der freien Bildung" zu begegnen, zu entfalten, um zu teilen und zu tauschen - kurz: um frei sich zu bilden!

***


Weitere Stimmen zum Buch (aus den Rezensionen bei Amazon):


In klarer Weise wird herausgestellt, dass Menschen keine Objekte sind, die man nach Belieben formen kann; sie sind als Subjekte fähig, selbstbestimmt mit ihrem Dasein umzugehen, so auch, sich frei zu bilden. Doch ausgerechnet die Institution Schule ist daran mitbeteiligt, dass junge Menschen auf subtile Art und Weise zu 'wohlerzogenen Menschen' gemacht werden sollen, die sich fürchten werden, frei zu denken, frei zu handeln, sich frei zu bilden. Für viele Leser wird es wie eine Provokation wirken, dass ausgerechnet die Schule dem Postulat einer freiheitlich demokratischen Grundordnung widerspricht. 
...

Insofern wünsche ich diesem Buch viele mutige Leser, die, indem sie sich diesem menschenunwürdigen Schulsystem widersetzen, sich aufmachen, neue Horizonte zu erschließen zum Wohle der Menschen, die mündig sind, sich frei zu bilden: Sie werden in diesem Buch so manche befreiende Anregung finden.  
***
"Schluß mit Schule!" betrachtet Schule und Nicht-Schule theoretisch und praktisch unter mannigfaltigen Aspekten. Es ist am Ende so radikal, wie es im Titel provokativ scheint - gerade deshalb, weil es mittendrin sachlich, aber nicht unemotional ist und immer wieder - bei allem spürbaren Engagement - nüchtern und klar daherkommt. Wer sich auf dieses Buch einläßt, wird immer wieder erstaunt sein, wie viele Aspekte das Thema Bildung und Lernen hat, wie vieles bisher Selbstverständliche mit Leichtigkeit obsolet wird. 
***
Da, wo andere stecken und stehen bleiben - nämlich bei der Frage, ob Beschulung denn erstens überhaupt nötig und zweitens wenigstens artgerecht ist - legt der Autor erst richtig los. Wobei er gründlich und sorgfältig und erst noch in einer schönen, gepflegten Sprache die grundlegenden Fragen stellt und herrlich unerschrocken radikal beantwortet.
Da schreibt jemand, der wirklich frei denkt. Selten genug.
Die Lektüre ist aufrüttelnd und ab und zu erschreckend komisch - wie eben die Schule. Ein nüchterner Blick auf eine kranke und unsere Kinder pervertierende Institution. Zugleich auch eine Chance, die eigene Schulschädigung anzusehen.


Dienstag, 3. Dezember 2013

Ein 16jähriger teilt seine Erfahrungen...

Lieber J., ich danke Dir, dass ich diesen Bericht veröffentlichen darf, den Du mir vor ein paar Wochen zuschicktest. Ich war und bin noch immer sehr berührt und hoffe, dass auch andere davon berührt sein werden! Danke!

Hi,
ich habe eben erst den Blog kennengelernt und hab ein wenig darin gelesen.
Es scheint mir, als wäre der Schwerpunkt eher bei Jüngeren also im Grundschulalter und deswegen wollte ich mal ein bißchen von meiner Schule erzählen.
Ich bin 16 Jahre alt und gehe auf ein Gymnasium in NRW.
Ich bin jetzt in der EF, das ist der Anfang der Oberstufe.
Ich hatte schon öfters mal Probleme in der Schule mit Fächern wie Französisch, oder Situationen wie "Keine Lust mehr rumkommandiert zu werden" :D
Wenn ich morgens vom sanften Klingen meines Weckers geweckt werde, habe ich von Anfang an schlechte Laune weil ich daran denke, wieder in die Schule zu gehen.
Meine Mutter sagt, dass als ich klein war ich immer in die Schule wollte, ich habe eine größere Schwester und hatte deswegen auch noch mehr Interesse.
Außerdem erzählen mir Leute aus meiner Familie und Menschen die mich länger kennen, dass ich als Kind immer gut gelaunt war und lustig war. 
Jetzt bin ich immer schlecht gelaunt und aggressiv.
Wenn ich also morgens aufstehe, denk ich auch sofort, ob ich mich nicht lieber krank stellen soll, um nicht in die Schule gehen zu müssen, aber ich quäle mich trotzdem hin weil ich weiß das ich es muss...
Also sitz ich in der Schule, schlecht gelaunt, und muss mir 9-11 Stunden Dinge anhören, die ich wahrscheinlich kurz nach dem Abi oder Studium längst vergessen hab und nie wieder brauchen werde.
Dann gibt es natürlich auch immer die wirklichen Hassfächer, die man einfach nicht kann und für die man dann schlechte Noten bekommt...
Ich bin sehr interessiert in Computer und habe mir selber beigebracht zu Programmieren. Jetzt in der Oberstufe hatte ich die Möglichkeit "Informatik" zu wählen, was ich natürlich gemacht habe weil ich dachte dann könnte ich ja was lernen.
Aber falsch gedacht. Ich habe jetzt Informatik seit rund 2-3 Monaten und es steht schon fest, dass ich es zum Ende des Jahres abwählen werde.
Wir lernen in der Sprache "Java" schreiben, sogar Befehle auf Deutsch (normalerweise ist es immer Englisch).
Da ich schon Erfahrung beim Programmieren hab kann ich mehr als meine Mitschüler. Aber wenn ich dann einen für den Lehrer "zu komplexen" Weg benutze um zu Programmieren, dann will der Lehrer, dass ich das Projekt neu mache.
Dann habe ich als Beispiel auch noch die "Alte Schule" der Lehrer. Bis vor kurzem hatte ich eine Englisch-Lehrerin, die jetzt in Rente ist. (Sie war auch gleichzeitig meine Erdkunde-Lehrerin)
Ich hatte zu der Zeit zwei verschiedene Englischkurse. Einmal den Standardkurs bei "Frau Alt" :D und einen Wirtschaftsenglisch-Kurs bei "Frau Streng"^^. 
Der Wirtschaftsenglisch-Kurs war sozusagen ein Englischkurs für Fortgeschrittene, er war schwerer, vor allem bei der Lehrerin und wir haben Dinge gemacht wie auf Englisch politische Reden, wirtschaftliche Systeme oder anderes zu schreiben/analysieren. In dem Kurs stand ich 2. 
Dann gab es den Standardenglisch-Kurs. Mit den leichtesten Worten und Aufgaben, mit einer Lehrerin die kaum Englisch sprach (Frau Alt).
Nun sollte man denken, dass der Kurs viel einfacher war und ich 1+ stehe... aber die "Frau Alt" war wohl allergisch gegen schwerere Worte, Satzstellungen und Redewendungen.
Die Lehrerin hasste sozusagen die Leute der Wirtschaftsenglisch-Kurse und hat alle schlecht benotet. 
Im mündlichen Bereich kann sie sich ja sowieso alles mögliche Ausdenken, aber in den Arbeiten hat sie völlig richtige Sachen weggestrichen oder einfach geschrieben "Aufgabe verfehlt".
In dem Kurs hatte ich eine 4...
In Erdkunde war sie auf dem Stand von 1970... aber egal...
Dann gibt es natürlich auch die rassistischen Lehrer, ich selber bin aber Deutsch. Aber ich habe ausländische Freunde, die normal Deutsch sprechen und auch in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.
Bei den Schülern hat sie in Deutsch oft drunter geschrieben "Aufgabe verfehlt" und hat ihnen einfach eine 6 gegeben.
Wenn ich in der Schule bin fühle ich mich total depressiv und "ausgepowert". Ich habe einfach keinen Bock mehr, jeden Tag aufs Neue in die Schule zu gehen für so lange, dann noch Hausaufgaben zu machen, für Arbeiten zu lernen und eventuell sogar noch Nachhilfe zu nehmen.
Zuhause macht man dann noch ein paar Stunden was einem gefällt, aber dann will ich oft nicht schlafen gehen, weil ich denke, wenn ich jetzt Schlafen gehe, wach ich auf und muss wieder in die Schule...
Man kann das Gefühl kaum beschreiben, wenn man aufsteht. Es ist einerseits Müdigkeit, Lustlosigkeit aber auch tiefer Hass. Es fühlt sich an, als ob der Körper selbst sich dagegen wehrt, und in der Schule selbst kann man den Kopf vor Langeweile kaum oben behalten.
Am schlimmsten ist es nach den Ferien, wenn man plötzlich wieder um 6 aufstehen muss. Das Schlimmste ist, dass man oft direkt nach den Ferien wieder Arbeiten schreibt und deswegen auch in den Ferien lernen muss. 
Es muss lustig anzusehen sein, wenn man die Schüler in der Schule in den Pausen sieht. Die meisten sitzen in Gruppen rum und sagen nur "Ich hab keinen Bock mehr", starren in die Gegend. Andere schreiben Hausaufgaben ab, wenn überhaupt jemand es geschafft hat diese zu machen ohne die Nerven zu verlieren.
 Das Schulsystem ist so schlecht, sogar das Material selbst ist schlecht. Ich habe im Moment ein Reli-Buch aus dem Jahr 1997, das wie es aussieht in Wasser gelagert wurde...
Ich werde trotz all dem mein Abi machen und Studieren...
Weil ich es muss, weil ich sonst vielleicht nicht weit im Job komme und vor allem weil mein Vater es gewollt hätte...
 Jetzt hab ich Wochenende... und kann mich nicht entspannen, weil die nächste Woche ansteht...

Mit freundlichen Grüßen J. ...

Sonntag, 24. November 2013

Gute Frage: Macht es jetzt Sinn, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun?

Gefunden unter gutefrage.net:

Hallo Leute,
zur Zeit denke ich viel nach.. eigentlich schon viel zu viel. Jetzt ist mir etwas aufgefallen. Ich bin jetzt in der 9. Klasse, d.h. ich muss noch ca. 3 Jahre zur Schule.. danach will ich weit weg von hier! Dahin wo mich keiner kennt und einfach mein Leben leben.. Ich hab mir vorgenommen ein super Abi hinzulegen, dass ich jeden Job haben kann, den ich will. Denn diese 3 Jahre entscheiden ja irgendwie über mein ganzes Leben. Macht es jetzt Sinn, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun? Natürlich auch mal mit Freunden treffen, aber jetzt nicht jeden Tag. Oder werde ich es irgendwann bereuen, dass ich meine Jugend nicht genutzt habe und sie nicht genossen habe??
Ich weiß nicht was ich machen soll .. 
 
Und beantwortet mit:

Ich kann Deine Gedanken und Fragen gut verstehen. Ich möchte Dich aber gern auf zwei Irrtümer hinweisen, von denen Du meiner Meinung nach ausgehst (zumindest, wenn ich Deine Worte ernst nehme): Ein super Abi (was Dir nicht garantiert ist) ist keine Garantie, dass Du jeden Job haben kannst, den Du willst! Es ist nicht einmal eine Garantie, dass Du überhaupt einen Job bekommst (das war früher mal so - heute nicht mehr).
Und zweitens - und dies zu Deiner Beruhigung: die nächsten 3 Jahre entscheiden nicht über Dein Leben! Du bist es, der es lebt und jeden Tag entscheidest Du Dich tausendfach für oder gegen etwas - und jeden Tag hast Du die Chancen, Dich für dasselbe oder für anderes zu entscheiden!


Ich würde Deine Frage, ob es Sinn macht, diese 3 Jahre nur was für die Schule zu tun, ganz klar mit "Nein" beantworten. Viele der beeindruckendsten Menschen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, haben kein gutes Abitur, teilweise nicht einmal überhaupt eines - manche nicht einmal einen Abschluss...
Wenn Du Dich lieber darauf konzentrierst, was Du gerne machst, was Dich interessiert, was Du gut kannst - wenn Du hinterher nicht nur eine Zahl vorzuweisen hast, sondern Dich als die einzigartige, interessierte und für bestimmte Dinge begeisterte Person zeigen kannst, die Du bist, dann hast Du gute Chancen ...
Das Leben funktioniert nicht so, wie uns oft vorgegaukelt wird. Erfolg und Glück sind nicht an Paukerei in der Schule geknüpft.

Zur Inspiration und Entscheidungsfindung mag ich Dir zwei Lesetipps geben: Das Teenager Befreiungs Handbuch von Grace Llewellyn (egal, wie und wofür Du Dich entscheidest, dieses Buch ist in mehrerlei Hinsicht ein Schatz! Ich habe es mit 30 Jahren gelesen - und wünschte, ich hätte es in Deinem Alter gekannt.) Der zweite Lesetipp ist dieser Artikel zum Thema "Schulstress".

Egal, wofür Du Dich jeden Tag auf's Neue entscheidest, entscheide aus ganzem Herzen - dann bereust Du hinterher nichts. Es kann im Nachhinein immer gesagt werden, was anderes wäre vielleicht besser gewesen, aber woher wollte man das wissen? Du würdest es bereuen, wenn Du im Nachhinein sagen müsstest: "Ach, eigentlich hätt ich es doch schon immer gern anders gemacht, aber ..."

Lebe, begeistere Dich, bilde Dich, genieß Dein Leben - nicht nur in den nächsten 3 Jahren... dann wirst Du Deinen Weg finden und er Dich!

Alles Liebe und Gute
Franklin

Freitag, 15. November 2013

Über die Freiheit, etwas abbrechen und weggehen zu können

Der Psychologe Prof. Dr. Peter Gray schrieb einen wundervollen Artikel mit dem Titel The Most Basic Freedom Is Freedom To Quit (Die grundlegendste aller Freiheiten ist die Freiheit, etwas abbrechen und weggehen zu können), in welchem er beschreibt, was es für die Mitglieder einer Gemeinschaft bedeutet, wenn jeder Einzelne diese Freiheit hat - oder eben nicht hat - und welche Auswirkungen dies auf das Vorkommen von Gewalt hat. So naheliegend und faszinierend zugleich!

Den Abschnitt, in welchem er beschreibt, welche traurigen Folgen es für Kinder hat, dass sie diese Freiheit eben nicht haben, möchte ich hier darstellen. Den kompletten Artikel findest Du hier.

Im Allgemeinen sind Kinder die Gruppe Menschen, die am meisten Gewalt erfährt, nicht etwa, weil sie klein und schwach sind, sondern weil ihnen nicht – etwa wie Erwachsenen – dieselben Freiheitsrechte eingeräumt werden, insbesondere die Freiheit wegzugehen. Anthropologen zufolge ist dies in Jäger-und-Sammler-Kulturen nicht in gleichem Maß der Fall: Dort werden Kindern annähernd dieselben Möglichkeiten zugestanden wie Erwachsenen. Kinder, die von ihren Eltern lieblos behandelt werden, können in eine andere Hütte ziehen zu anderen Erwachsenen, die sie freundlich behandeln. Sie können sogar in eine andere Gemeinschaft ziehen. Jäger und Sammler sind nicht der Ansicht, dass Eltern ihre Kinder besitzen. Beinah jeder genießt die Gegenwart der Kinder und die gesamte Gemeinschaft teilt sich die Pflege eines jeden Kindes; Kinder sind dort keine Last. Sogar sehr junge Kinder, die von einem Elternteil oder einer anderen Pflegeperson misshandelt werden, können von dieser versorgenden Person wegziehen oder woandershin mitgenommen werden und Sicherheit in den Armen anderer finden. Dies trifft auf unsere Gesellschaft nicht zu, und häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist hier ein ernstzunehmendes und anhaltendes Problem.
Aber nun möchte ich mich der Gewalt zuwenden, die wir unseren Kindern zufügen, indem wir sie in Schulen zwingen. Wenn der Schulbesuch verpflichtend ist, sind Schulen definitionsgemäß Gefängnisse. Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem jemand sich zwangsweise aufhält und an dem Menschen ihre Aktivitäten, (Spiel)Räume oder Partner nicht selbst wählen dürfen. Kinder können die Schule nicht verlassen und innerhalb der Schule können sie gemeinen Lehrern, unterdrückenden und sinnlosen Aufgaben oder grausamen Klassenkameraden nicht entgehen. Für manche Kinder ist der einzige Ausweg – der einzige wirkliche Weg zu gehen – der Selbstmord. In ihrem Buch The Scarred Heart („Das vernarbte Herz“) beschreibt die Autorin Helen Smith den Suizid eines 13jährigen Mädchens, welches in der Schule regelmäßig gemobbt wurde: „Nachdem sie 53 der erforderlichen 180 Schultage versäumt hatte, wurde ihr gesagt, sie müsse in die Schule zurückkehren oder vor einem Gremium für Schulschwänzer erscheinen, welches sie in eine Jugendstrafanstalt schicken könnte. Sie entschied, die bessere Alternative sei, in ihr Schlafzimmer zu gehen und sich mit einem Gürtel zu erhängen. … In früheren Zeiten hätte sie einfach die Schule abbrechen können, aber heute sind Kinder wie sie durch die Schulpflicht gefangen.“
Es ist schon viel gesagt worden über Mobbing in der Schule und andere Probleme, die mit Schule zusammenhängen, wie allgemeine Unzufriedenheit von Schülern, Langeweile und Zynismus. Bisher hat niemand einen Weg gefunden, diese Probleme zu lösen, und niemand wird einen solchen jemals finden, bis wir Kindern die Freiheit zugestehen wegzugehen. Um diese Probleme endlich und endgültig zu lösen, gibt es keine andere Möglichkeit, als den Zwang abzuschaffen.
Wenn Kinder wirklich die Freiheit haben, sich von der Schule zu verabschieden, wird das Weiterbestehen der Schulen davon abhängen, dass sie zu kinderfreundlichen Orten werden. Kinder lieben es zu lernen, jedoch hassen sie es – wie wir alle! – gezwungen, penibel überwacht und andauernd bewertet zu werden. Sie lieben es, auf ihre eigene Weise zu lernen, nicht auf eine Art, die andere ihnen aufzwingen. Schulen werden – wie alle Institutionen – nur dann zu ethisch vertretbaren (Bildungs-)Einrichtungen werden, wenn die Menschen, denen sie dienen, nicht länger deren Häftlinge sind. Wenn Schüler die Freiheit haben wegzugehen, werden Schulen ihnen weitere grundlegende Menschenrechte zugestehen müssen, etwa das Mitspracherecht bei Entscheidungen, die sie betreffen, das Recht auf Redefreiheit, die Versammlungsfreiheit und das Recht, ihren eigenen Weg zum Glücklichsein zu wählen. Solche Schulen hätten keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den trostlosen Institutionen, die wir heute „Schulen“ nennen.


Vor zwei Jahren veröffentlichte ich hier einen Beitrag mit ähnlichem Inhalt: "Du musst doch mal etwas zu Ende bringen, was Du angefangen hast!"

Dienstag, 5. November 2013

Das tägliche Leid ...

In den letzten Wochen häuften sich Nachrichten an mich von Menschen, die mir von Dingen berichten, die mich sehr betroffen machten.

Ein Blitzlicht

K. schreibt:
Nun ist es so, dass meine Tochter seit einer Weile nicht mehr in die Schule will/kann... sie zögerte, wendete sich ab, wollte nicht ist Gebäude, weinte und hielt sich an mir fest.
"Wenn ich drin bin, kann ich nicht mehr raus."
"Es geht da nicht ums lernen, es geht ums quälen!"

Ich fühle genau um was es geht und da ich sie wiederholt nicht dagelassen habe gegen den Rat der Schule (Mutti geht jetzt ganz schnell...) drohten sie inzwischen sehr massiv.

Nun soll ich sie unbedingt Montag nach den Ferein in die verhasste Schule bringen, sonst droht Anzeige beim Jugendamt.
und eine Woche später:
Meine Tochter ist jetzt 9 und nach der Klassenfahrt im letzten Jahr war zu bemerken, dass sie eine Überdosis bekommen hat. So kam es mir vor. Da schlug die Stimmung/Verfassung um. Der sonst noch kreative Umgang mit den Anforderungen, wo noch eine gelegendliche Auszeit half, bekam eine eindeutig depressive Note. 


Ich erzähle sehr gerne bei Gelegenheit mehr, es tut gut zu schreiben, zu erzählen. Ich bin doch überrascht, wie schnell sich das Ganze entwickelt hat und wie lange wir standgehalten und tapfer verdrängt haben... wie extrem groß und umfassend die Angst ist, wie extrem bedrohlich.

 Ein weiteres Zitat dieses 9jährigen Mädchens:
"Wenn wir etwas gut machen werden wir gelobt, wenn wir etwas falsch machen werden wir angemeckert - aber was wir brauchen, kriegen wir nicht."
K.:
Ein anderer Satz, den sie sagte, war "Ich bin nicht zum Lesen lernen auf die Welt gekommen!" Damals war sie damit noch selbstbewusst. Doch es ist schwer sich unter dem Druck, auch wenn er damals noch vergleichsweise "sanft" war,  aufrecht zu erhalten.


 *** 
T. schreibt:
Mensch, ich habe R. (10) vorhin gegen ihren Willen in die Schule schicken müssen (habe – wie immer – versucht es ihr zu erklären und ihr versichert, dass wir mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten!) Langsam wird es eng, denn jeder einzige Tag, den R. fehlt, geht bereits über den Schulleiter. Schon längst gibt es kein „gute Besserung!“ mehr, wenn R. krank ist. Wegen einer Freistellung hatte ich ein riesiges Theater und musste laut Klassenlehrer die schriftliche Erlaubnis des Schulleiters abwarten.  Die letzten ärztlichen Bescheinigungen musste R. nach ihrer Rückkehr selbst zum Schulleiter bringen (total unüblich) und er hat sie auch gefragt, wie es ihr geht…

R. wurde gestern im Schulbus in den Arm gebissen, andere Kinder geschlagen und getreten. Kennst ja sicher diese Kleinbusse, das Stigma eines jeden Kindes, das damit zum Besuch der Sonderschule (die man ja jetzt „Förderschule“ nennt) abgeholt wird. Die Begleiterin konnte wohl gar nicht so schnell hinterher während der Fahrt, nachdem sich der Junge einmal abgeschnallt hatte und einen nach dem anderen angriff.
Ich fragte R., ob sie eine Idee bzgl. der Ursache hätte: „Hat ihn jemand geärgert, oder was glaubst Du, warum er das gemacht hat? Und warum denkst Du, hat er auch Dich gebissen?“
R.'s Antwort: „Weil ich ganz in seiner Nähe gesessen habe, Mama. Weißt Du, der XY will immer gerne bei seiner Mama bleiben und dann schreit er, dass er bei der Mama bleiben will und deshalb bringt ihn jetzt sein Papa bis ins Auto.“
***

"Mit durchschnittlich jeder vierten Lehrer-Schüler-Interaktion ist eine Verletzung verbunden und in durchschnittlich jeder sechzehnten pädagogischen Interaktion erleben die Lernenden die starke Missachtung eines Mitschülers durch eine Lehrkraft." (so heißt es in diesem Artikel)

***

P. schreibt:
Ich dachte des öfteren an Dich, besonders seitdem mein 11 jähriger auf die weiterführende Schule geht. Es ist schwierig und nur durch (viele) Fehlzeiten zu überstehen.
Obwohl diese Schule integrativ arbeitet und sicherlich das absolute geringere Übel ist, ist es eben das geringere Übel....

***

Ein 18jähriges Mädchen, fuhr nach einem Treffen auf einem Bildungskongress ermutigt nach Hause mit neuen Erkenntnissen und Ideen, in Freude auf all die Dinge, die sie nun tun könne mit all der Zeit, die ihr zur Verfügung steht (zum Beispiel ehrenamtlich arbeiten, ein Praktikum, Reisen, Vorlesungen an der Uni besuchen, Lesen ...). Sie schrieb mir ein paar Wochen später:

Mir geht es recht gut, da ist nur immer noch das Problem Schule. Ich will zwar nicht mehr hin, weil das Schulsystem eben so ist, wie es ist, aber es gibt noch ein paar Fächer, die mich interessieren. Naja und da ich HartzIV bekomme, kann ich nicht einfach so abbrechen, sondern müsste dann entweder gleich eine Ausbildung machen oder arbeiten. Deswegen mach ich das Jahr noch fertig und bemüh mich in den Fächern, die ich mag und der Rest - naja, anwesend muss ich wohl sein ... Mir kommt jedoch das Jahr unter diesen Bedingungen viel länger vor und ich hab keine Ahnung, wie ich das durchhalten soll.
 ***
Die kleine N. (9) sitzt vor mir neben ihrer Mutter. Sie wirkt bedrückt, traurig, ist sehr still. Sie ist sehr zurückhaltend mit Antworten, kann meine Frage, was ihr gefalle oder besonders schwer falle kaum beantworten.
Ihre Mutter erzählt, N. sei total schlecht in der Schule geworden, die Lehrerin spreche sie ständig deswegen an. Es habe eigentlich bisher keine nennenswerten Schwierigkeiten gegeben, aber jetzt in der 3. Klasse habe sie nur schlechte Noten und eine 6 in Mathe geschrieben. Sie konzentriere sich nicht, vergesse Hausaufgaben, "sie kann überhaupt nicht mehr“.
N. sagt, sie denkt, sie sei schlecht - die Schlechteste!
Ihr fällt nichts ein, was sie gern in ihrer Freizeit macht ... später erwähnt sie fast nebenbei, dass sie total gern Tierfilme und Dokusendungen guckt.
Ich weiß eigentlich nicht wirklich, was ich N. raten soll. Am liebsten würde ich ihr sagen, sie solle nicht auf all den Blödsinn hören, den die Leute ihr sagten: was sie alles nicht könne! Und wie es überhaupt sein kann, dass jemand, der 9 Jahre alt ist, eine 6 in Mathe bekommt!?
Und dass es normal ist, sich nicht konzentrieren zu können, wenn man unter Druck steht, unter Begutachtung. Wenn man sich dumm fühlt, Angst hat ..., denkt "das kann ich nicht, ich bin schlecht"! Niemand kann sich unter solchen Umständen gut konzentrieren!!!

Und sowas sage ich ihr auch. Und dass sie sich auf die Dinge konzentrieren soll, die sie interessieren, die ihr Freude machen, die sie kann! Aber ich hab gut reden, ich muss mir nicht jeden Tag etwas anderes einreden lassen ...

Viel später, nachdem N. längst wieder nach Hause gegangen ist, fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe: Ich habe vergessen, sie zu fragen, wer in ihrer Klasse denn schon fließend drei Sprachen kann, denn sie wächst ja dreisprachig auf - aber das interessiert in der Schule niemanden ...

 ***

Ich denke über Freiheit nach, über Vertrauen, über die Menschenwürde, über Selbstbestimmtheit ... über Kindeswohlgefährdung ... und darüber, welches Leid es wohl noch so geben mag: jeden Tag auf's Neue ... 
 

Sonntag, 29. September 2013

Wer entscheidet über Dein Schicksal? Wer bestimmt über Dein Leben?


Das Schicksal Schule hat einen Anfang und ein Ende... und eine lange Zeit dazwischen...
 
- Ein Drama in drei Akten -

Natürlich sind die Kinder die Opfer.
Aber sie sind es nur, solange die Täter glauben, sie täten etwas Gutes, 
und solange die Opfer glauben, sie müßten es sich gefallen lassen.
Verstehen Sie?

- Aus: Musterkind - Tagebuch eines minderjährigen Menschen von Ekkehard von Braunmühl -


3. Akt
Eine Geschichte vom Ende
  - Würden junge Menschen aus der Fremdbestimmung ausbrechen? -

Im vergangenen Frühjahr demonstrierten Schüler in Nordrhein Westfalen:

„Wie viele Stimmen brauchen wir noch, um ernst genommen zu werden?“ Wir wollen ernst genommen werden! 

Aber: Was genau wollen wir eigentlich? 

Ein faires Abitur, ja! Das ist das Mindeste, was man nach 8 Jahren Versuchskaninchen erwarten  kann, oder? Nein: nach 12 oder 13 Jahren Versuchskaninchen (oder gar noch mehr?)! 


Aber wollen wirklich eine zweite Chance, um fremdbewertet zu werden? Könnte ein Versuchskaninchen auf die Idee kommen, dass es noch mehr gibt, was es fordern könnte – nachdem ihm von klein auf beigebracht wurde: 

  • „Andere bestimmen den Maßstab, an dem beurteilt wird, ob Du gut oder schlecht bist!“
  • „Andere beurteilen Deine Leistung, nicht Du!“
  • „Dein Schicksal hängt von dem Urteil anderer ab, davon, wie sie Dich sehen – Du hast Dich zu fügen!“


Dazu müssten wir grundsätzliche Fragen stellen: Wollen wir Versuchskaninchen sein? Müssen/sollten/dürfen wir überhaupt Versuchskaninchen sein?
Zeigen uns denn solche Pannen wirklich nur das Scheitern eines Zentralabiturs? Na klar könnten wir denken, das Abi müsse wieder anders sein, vorher war‘s besser – oder so ähnlich. Könnte das Drama des pannenreichen Zentralabis aber nicht die Chance sein, einmal etwas ganz Anderes zu tun oder zu erkennen:
Warum stellen wir eigentlich nicht einmal grundsätzlich infrage, wieso unsere Zukunft überhaupt von dieser Prüfung abhängen soll? Wieso sie vom Urteil anderer abhängen soll? 
Und was sagt eigentlich dieses Urteil aus über die einzigartige Person, die DU bist?  Was sagt es aus über die selbstbestimmte, wissbegierige, kreative Persönlichkeit, die Du ... schlimmstenfalls mal warst bzw. hoffentlich heute noch bist?
Manche Menschen – vielleicht auch Du selbst – gehen davon aus, dass Deine Abschlussnote Deine Intelligenz wiederspiegelt. Dies ist selbstverständlich nicht der Fall! Sie sagt nichts über Deinen Wert! Sie sagt nichts über Deine Intelligenz! Sie sagt nichts darüber aus, ob Du in der Lage bist, etwas herauszufinden oder Dir Fähigkeiten und Wissen anzueignen über Dinge, die Du brauchst und die Dich interessieren. Sie sagt nichts darüber, ob Du die Beständigkeit besitzt, etwas Durchzuziehen wofür Du Dich begeisterst. Sie sagt nichts darüber, ob Du aus Deinen Erfahrungen und „Fehlern“ lernst. Sie sagt nichts über die Einzigartigkeit Deines Menschseins und über Deine Fähigkeit, Dich zu bilden! 

Es ist ein Mythos, dass eine Note (ein Schulabschluss!) widerspiegelt, was Du wirklich kannst!
Und dass ein guter Schulabschluss gute Berufschancen garantiert, ist entweder eine veraltete Information auf dem Stand des letzten Jahrtausends oder eine große Lüge!
Wusstest Du, dass die Menschen vor langer Zeit einmal glaubten, die Erde sei eine Scheibe? 
Für sie war sie eine Scheibe, solange sie dies glaubten. Aber: War sie eine Scheibe, weil sie daran glaubten? Obwohl der Vergleich hinkt, ist es mit Noten nicht anders:
Obwohl kein einziges (!) vernünftiges Argument, welches die Lernpsychologie, die Hirnforschung oder die Verhaltensforschung liefert, für Noten (und die damit verbundene Fremdbewertung, das Abhängigmachen) spricht; und obwohl alle Überlegungen, die sich um die Würde und Selbstbestimmtheit des Menschen drehen, gegen ein derartiges Prüfungssystem sprechen (und weiter noch: genaugenommen gegen unser ganzes Schulsystem!) ist es noch immer nicht abgeschafft worden. Und dies, obwohl seit Jahrzehnten kritischste Diskussionen darum geführt werden! Mit ziemlicher Sicherheit wird es auch in den nächsten Jahrzehnten von oben her nicht abgeschafft werden.
Aber – und nun bringe ich einen viel besseren Vergleich, als den mit der Erdscheibe – es gab schon seit jeher Menschengruppen, die sich über andere erhoben, sie zu beherrschen versuchten und dachten, sie seien klüger, besser, fähiger ... aber, dies funktionierte nur solange, wie die, die beherrscht werden sollten, dies auch glaubten!
Noten haben nur solange Macht über Dich, wie Du daran glaubst! Wenn Du ihnen diese Macht nicht mehr gibst, werden sie bedeutungslos!
„Die hat gut Reden“, denkst Du nun? Vielleicht hat sie das, weil sie das Ganze schon hinter sich (gelassen) hat ... Es ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass es so ist (ob Du willst oder nicht, auch wenn Dir jemand anderes weismachen will): Es ist immer Deine Entscheidung, wem oder was Du Macht über Dich gibst (das liegt schon allein in der Natur unseres Organismus)!
Stell Dir vor, die ganzen protestierenden Menschen in NRW (waren es nicht Tausende?) hätten gesagt: „Moment mal, was soll das eigentlich? Wir machen den Scheiß nicht mehr mit, wir gehen jetzt unseren eigenen Weg (macht Ihr doch, was ihr wollt, hihi)!“


Einst sah ich diesen Videoclip des britischen Dichters Suli Breaks: „I will not let exam results decide my fate“

Ich werde nicht Prüfungsergebnisse über mein Schicksal entscheiden lassen!

Allein der Titel ist schon Programm und gibt Grund genug, sich das einmal ernsthaft zu überlegen ...
 

Als letzte Anregung hierzu möchte ich abschließend noch die Meinung zweier Menschen teilen:

Ich unterhielt mich einmal mit einem Mann, der in einer Firma in der Personalauswahl tätig war. Er sagte, sie wählten unter den Bewerbungen natürlich zunächst diejenigen mit den besten Zeugnisnoten aus. Dann mussten sie aber feststellen, dass unter diesen niemand wirklich für den Job geeignet war, solche fanden sie eher unter denen, die gar nicht so gute Abschlüsse hatten ... Wenn Firmen zunehmend feststellen, dass Noten kein nützliches Auswahlkriterium sind, ist dies ein Grund mehr, die Macht zu überdenken, die wir ihnen geben!

Zum Schluss die Worte des von mir sehr geschätzten schul- und gesellschaftskritischen Philosophen Bertrand Stern, in dessen Aussagen stets der Mensch selbst und seine zu achtende Würde im Mittelpunkt stehen und der für „das Menschenrecht, frei sich zu bilden“, plädiert:

Es ist eine merkwürdige Vorstellung in einer Demokratie, dass Subjekte sich einer staatlichen Macht oder Übermacht beugen sollten. Diese Prüfungspflicht ist völlig widersinnig und es würde reichen, mit verfassungsmäßigen Grundrechten zu sagen, eine solche Pflicht verstößt gegen die Selbstverständlichkeit des Respektes vor der Würde und der Selbstbestimmtheit der Person. Weg ist sie!
Das heißt, diese Prüfungspflicht, die immer wieder genannt wird, ist eine Art Schreckgespenst, das man immer wieder bringt ... Nein! Wir widerstehen ihr! Wir sagen: „Wir machen es nicht, und wir sind die Bürger, nicht der Staat kann uns das auferlegen!“ Damit ist das Thema für mich weg.
Wenn wir dann keine Prüfungspflicht des Staates haben, müssen wir selbstverständlich eine Einrichtung haben, die dafür da ist, Menschen zu qualifizieren. Ich nenn das ein öffentlich rechtliches Prüfungswesen. Da kann ich hingehen und sagen: „Liebe Leute, ich möchte gern ein Diplom haben in diesem und jenem.“ Dann sagt man mir: „Dann und dann sind die Prüfungen“, die kann ich ablegen; dann kann ich sagen „Ich bin diplomierter XY“. Wenn ich das nicht gebrauche, brauch ich es auch nicht – auch das ist wichtig!
Ein Grundrecht des Menschen, der frei sich bildet! Wer soll ihn denn da prüfen? Wofür auch!?
(diese Worte sprach Bertrand Stern in diesem Jahr auf einer Podiumsdiskussion - anzusehen hier ab Minute 8:00)



Natürlich seid Ihr die Opfer.
Aber Ihr seid es nur, solange die Täter glauben, sie täten etwas Gutes,
und solange Ihr glaubt, Ihr müsstet es Euch gefallen lassen.
Versteht Ihr?